Moderner Unterricht

Im Interview: Monika Heusinger über "Lernen in der Postkreidezeit"

Frau Heusinger, Sie sind Studiendirektorin und Fachleiterin für das Fach Spanisch am Otto Hahn Gymnasium in Saarbrücken sowie am Staatl. Studienseminar des Saarlandes für die Sekundarstufen I und II an Gymnasien und Gemeinschaftsschulen. Darüber hinaus haben Sie eine Teilabordnung für Fachdidaktik Spanisch an der Universität des Saarlandes. Neben diesen vielfältigen Tätigkeiten sind Sie eine der aktivsten „digitalen Lehrerinnen“ Deutschlands.
Von techblog:schule • Monika Heusinger

Was hat Sie dazu motiviert eine Vordenker Rolle im digitalen Bildungsbereich zu übernehmen?

Ich weiß nicht, ob ich eine Vordenkerrolle innehabe. Ich finde es sehr praktisch, wenn ich meinen Workflow digital organisiere. Da ich meine Unterrichtvsorbereitungen schon seit vielen Jahren digital mache, wollten die Schülerinnen und Schüler auch digital arbeiten. Und so haben wir Tablets in der Schule angeschafft und dadurch können dann auch Lehr-Lern-Prozesse digital unterstützt werden.

Welche Bedeutung messen Sie digitalen Medien in der heutigen Gesellschaft allgemein zu? Wie gestaltet sich diese in Bezug auf den „Lebensraum Schule“?

Digitale Medien sind in unserem Alltag nicht mehr wegzudenken. Da kann Schule keine Parallelwelt schaffen. Digitale Medien gehören in die Schule, um einen Medienbruch zwischen schulischem und außerschulischem Arbeiten zu verhindern.

Welche Herausforderungen muss Bildung in einer digitalisierten Welt heute leisten?

Schülerinnen und Schüler nutzen als digital Natives digitale Medien. Schule hat meiner Meinung nach die Aufgabe, sie zu begleiten, sich kompetent in der digitalen Welt zu bewegen. Dazu gehört der Umgang mit persönlichen Daten und den Daten anderer sowie ein Bewusstsein für den digitalen Fußabdruck, den ich hinterlasse. Des Weiteren finde ich wichtig, dass Schülerinnen und Schüler Möglichkeiten kennen lernen, wie sie neben privaten Dingen auch schulische Angelegenheiten digital organisieren können. Dazu gehören Kompetenzen im Informationsmanagement. Wie gehe ich mit der Informationsflut um? Wie unterscheide ich seriöse von weniger seriösen Quellen? Wo und wie kann ich Informationen speichern? Wie strukturiere ich die Informationen? Wie kann ich Informationen mit anderen teilen? Die Nutzung von Apps für einen digitalen Workflow und die Kommunikation ist sehr trendabhängig. Oft gibt es effektivere oder sicherere Alternativen. Diese sollten aufgezeigt werden. Und gerade in der heutigen Zeit, wo Hatespeech und Hassposts im Netz zunehmen, erachte ich soziale Kompetenzen wie konstruktive Diskursstrategien für enorm wichtig. Es geht demnach meiner Meinung nach darum, Risiken in der digitalen Welt zu erkennen und angemessen darauf zur reagieren sowie das positive Potenzial digitaler Medien zu nutzen.

Skizzieren Sie eine typische Stunde ihres Unterrichts.

Eine typische Stunde gibt es bei mir eigentlich nicht, da das denke ich schnell zu Langeweile führen würde. Ich kann aber gerne Möglichkeiten skizzieren. Digitale Medien erleichtern selbstständiges Arbeiten. So kann man Lernsettings konzipieren, die Lernerautonomie fördern und Lernprozesse individualisieren. Dabei kann je nach Thema viel Freiraum gelassen werden. Schülerinnen und Schüler erarbeiten selbstständig ein Thema und bereiten es für die Mitschülerinnen und -schüler auf, wobei sie wählen können, in welcher Art die Ergebnisse präsentiert werden. Tablets ermöglichen Präsentationen unter Verwendung von Text, Bild und / oder Ton. Man kann auch den Rahmen eines Lernsettings etwas enger fassen und dennoch den Unterricht schülerzentriert gestalten. Wenn der affektive Bereich bei einem Thema eine wichtige Rolle einnimmt, kann man z.B. Blogposts erstellen lassen, wobei aus einer bestimmten Perspektive heraus das Thema reflektiert werden soll. Eine kreative Auseinandersetzung mit einem Thema kann auch stattfinden, indem z.B. die Lerninhalte in Form von Stop-Motion-Filmen visualisiert werden. Steht der kognitive Bereich im Vordergrund, können die Schüler z.B. ein Wiki erstellen, das eher Sachinformationen enthalten soll. Da gibt es digital unendlich viele Möglichkeiten. Auch in traditionelleren Unterrichtsformen ermöglicht die Nutzung digitaler Medien Schüleraktivierung. Nach dem klassischen Artikulationsschema Einführung, Erarbeitung, Anwendung kann z.B. als Einstieg ein Meinungsbild zu dem Thema über Answergarden (https://answergarden.ch) eingeholt werden. Dabei handelt es sich um eine Webanwendung, die die Ideen in einer Wortwolke darstellt. Dann kann arbeitsteilig weiter recherchiert werden zu dem Thema. Die Ergebnisse können z.B. von den Schülerinnen und Schülern in einer App wie Baiboard (http://www.baiboard.com) festgehalten werden, die wie ein digitales Whiteboard funktioniert, das allerdings von allen Schülerinnen und Schülern gemeinsam gleichzeitig bearbeitet werden kann. Die Lernerfolgskontrolle kann spielerisch erfolgen. Jede Gruppe kann z.B. mit Hilfe der Vorlagen auf der Plattform learningapps.org Aktivitäten zur spielerischen Verständnisüberprüfung konzipieren. Daran sollte sich eine Transferaktivität anschließen, die themenspezifisch ist und die sich daher nicht allgemein skizzieren lässt. Ist der Themenbereich landeskundlicher Art können z.B. Plakate aus der Perspektive der Tourismuszentrale entworfen werden. Ist es ein literarisches Thema, so kann ein Fazit aus der Analyse evtl. in Form von Emojis gestaltet werden. Ist es ein historisches Thema, so kann man die Aspekte evtl. aus einer bestimmten Perspektive heraus in Form eines Blogposts kommentieren lassen. Die Möglichkeiten sind hier unbegrenzt. Digital hat zusätzlich den Vorteil, dass die unterschiedlichen Ergebnisse archiviert und allen zugänglich gemacht werden können. Sie stehen somit jerderzeit an jedem Ort zur Verfügung.

Was muss eine gelungene Unterrichtsstunde für Sie gewährleisten?

Unterrichten ist komplex. Medienkompetenz bedeutet, dass in Bezug auf die Struktur der Lerninhalte und die Lerngruppe das geeignete Medium gefunden wird. Das muss also nicht zwingend digital sein. Wichtig ist, dass die Unterrichtszeit effektiv genutzt wird. Die Lerninhalte müssen für Schülerinnen und Schüler eine gewisse Relevanz besitzen. Lernende müssen aktiviert werden und ihre Kompetenzen entfalten bzw. erweitern können. Die Lerninhalte müssen nachhaltig verankert werden. Anwendungsphasen dürfen nicht im reproduktiven Bereich bleiben, sondern es muss die Möglichkeit bestehen, mit der Wissens- und Kompetenzerweiterung Sachverhalte auch bewerten zu können. Motivationale Aspekte dürfen nicht vernachlässigt werden, da Emotionen Einfluss auf Lernprozess und Lernerfolg haben. Letztendlich liegt es meiner Meinung nach jedoch in der individuellen Betrachtung der Schülerin bzw. des Schülers, ob für sie bzw. ihn die Unterrichtsstunde hilfreich war oder nicht. Mit individualisierenden sowie kollaborativen Methoden können jedoch möglichst alle Schülerinnen und Schüler motiviert und aktiviert werden, was erheblich dazu beiträgt, dass die Unterrichtsstunde für alle effektiv ist. Und da können digitale Medien unterstützen.

Wie nutzen Sie die Möglichkeiten der Digitalisierung speziell für Sprachenunterricht?

Gerade im Sprachunterricht eröffnen sich viele Möglichkeiten, da ich Zugriff auf die ganze Welt habe, was interkulturelle Lernerfahrungen ermöglicht. Sprachliche sowie interkulturelle Kompetenzen können gefördert werden durch Gamifizierung von Lehr-Lern-Prozessen, was motiviert und dadurch den Lernerfolg positiv beeinflusst. Individualisierung ist einfacher mit digitalen Medien. Der Workflow kann individualisiert werden durch die Gestaltung einer persönlichen digitalen Lernumgebung. Da das Internet und Apps eine selbstständige Recherche ermöglichen, kann auch die Themenwahl individualisiert werden. Z.B. können Schülerinnen und Schüler zum Themenbereich Migrationsbewegungen in der spanischsprachigen Welt selbstständig recherchieren, welche Migrationstendenzen es gibt und sich dann aussuchen, mit welcher sie sich gerne näher auseinandersetzen. Lernende können durch die Medienkonvergenz von Text, Bild und Ton wählen, in welchem Eingangskanal sie Informationen aufnehmen. Dabei stehen ihnen digital Verstehens- sowie Strukturierungshilfen zur Verfügung. Sie können auch entscheiden, in welcher Form sie Informationen mit anderen teilen. Durch Learning Analytics lässt sich der Lernfortschritt zudem individuell evaluieren und es können somit weitere personalisierte Lernangebote zur Verfügung gestellt werden. Auch kollaboratives bzw. kooperatives Arbeiten ist digital einfacher. So kann ein Thema mit Hilfe von kollaborativen Tools gemeinsam erarbeitet und dokumentiert werden. Kollaborative Tools erleichtern auch Peer-Evaluation bzw. Peer-Correction, da jeder direkt einsehen und mitverfolgen kann, was der andere erstellt. Wichtig finde ich, dass Lernende auch produktiv digitale Medien nutzen. Gerade im Fremdsprachenunterricht lassen sich da die Fertigkeiten Sprechen und Schreiben fördern. Sprechen z.B. durch die Produktion von Podcasts oder Hörspielen. Schreiben durch kollaborative Schreibprozesse, aber auch durch die Organisation von Schreibprozessen z.B. durch die Verwendung von Mindmaps. Die Umgestaltung bzw. Überarbeitung ist digital sehr viel einfacher als auf Papier. Aber auch die rezeptiven Fertigkeiten Lese- und Hörverstehen lassen sich effektiv schulen, da ich Zugriff auf viele authentische Materialien habe.

Welche Websites sind aus Ihrem digitalen Schulalltag nicht mehr wegzudenken?

Blogs von Kolleginnen und Kollegen (https://wiki.zum.de/wiki/Lehrerblogs) sowie die Angebote der ZUM (https://www.zum.de) für meine eigene Fortbildung. Blogs habe ich über RSS-Feed abonniert, um neue Beiträge nicht zu verpassen. Im Unterricht kommen oft kollaborative Anwendungen sowie Tools zur kreativen Medienarbeit zum Einsatz. Nicht mehr wegzudenken sind für mich allerdings vor allem soziale Netzwerke. So vernetzen sich z.B. jeden Dienstag von 20 bis 21 Uhr im #EDchatDE (https://wiki.andrespang.de/index.php?title=EdchatDE), einem Twitterchat, unter anderem Lehrerinnen und Lehrer, um sich über bestimmte Themen des Lehrens und Lernens in einer digital geprägten Gesellschaft auszutauschen.

Gibt es Apps, die Sie in diesem Zusammenhang empfehlen können?

Ich nutze in der Regel keine Apps, die Lerninhalte anbieten, sondern Apps, mit denen sich produktiv bzw. kreativ arbeiten lässt. Apps sind meist etwas trendabhängig. Daher möchte ich hier eher die Arten angeben, statt bestimmte Apps aufzuzählen. Hilfreich im Unterricht finde ich Apps bzw. Webanwendungen, die als Pinnwand oder Whiteboard oder zum Erstellen von eBooks, Fotoromanen, Hörspielen, Infografiken, Filmen, Plakaten, Podcasts oder Sketchnotes dienen. Des Weiteren arbeite ich gerne mit Blogs, Etherpads, interaktiven Karten, Mindmaps, Präsentationsapps oder Wiki. Und ich setze gerne Apps bzw. Webanwendungen ein, mit denen sich Lehr-Lern-Prozesse gamifizieren lassen. Als digitales Lernmanagementsystem nutze ich im Unterricht Google Drive (http://monika-heusinger.info/blog/gd), jedoch können die Schülerinnen und Schüler frei wählen, ob sie diese Struktur übernehmen oder ihre Lernumgebung lieber anders gestalten. Über Google lassen sich aktuelle Apps bzw. Webanwendungen in diesen Bereichen finden. Was aktuell in meinem Unterricht zum Einsatz kommt, dokumentiere ich teilweise auch auf meinem Blog (http://monika-heusinger.info/blog).

Gibt es an Ihrer Schule auch Tools zum Schul- und Klassenmanagement in Form von digitalen Klassenbüchern, o.ä.?

Wir haben ein Intranet, das von Lehrerinnen und Lehrern sowie von Schülerinnen und Schülern genutzt werden kann. Der Vertretungsplan wird im Schulgebäude auf Monitoren angezeigt und steht auch als App zur Verfügung. Die Notenverwaltung erfolgt digital. Kursbücher führe ich ebenfalls digital. Bei Klassenbüchern würde ich mir das auch wünschen. Momentan arbeiten wir da aber noch analog.

Nutzen Sie die Möglichkeiten der digitalen Bildung auch privat und wenn ja, was sind ihre favorisierten Tools hierbei?

Ich lebe privat auch möglichst papierfrei und organisiere vieles über Evernote. Dank eines schnellen Dokumentenscanners landet Material aus Papier dort digitalisiert in Ordnern. Soziale Netzwerke nutze ich ebenso nicht nur zur beruflichen Fortbildung, sondern natürlich auch zu privaten Zwecken. Und auch das ein oder andere Spiel kommt privat zum Einsatz. Digitale Medien erleichtern mir einfach auch im privaten Bereich den Alltag, von der Weckerfunktion des Smartphones am Morgen bis hin zum Audio- oder Videostream zum Abschalten spät am Abend.

Können Sie bestimmte Trends in der digitalen Bildung verzeichnen? Wie werden sich diese Ihrer Meinung nach weiterentwickeln?

Die Entwicklung wird stetig weitergehen und wir können uns wahrscheinlich noch gar nicht vorstellen, was in 20 Jahren z.B. alles möglich sein wird. Momentan finde ich die Nutzung von Augmented und Virtual Reality im Bildungsbereich spannend.

Welche Entwicklungen wünschen Sie sich von der digitalen Bildung innerhalb der nächsten 5 Jahre?

Dass sie noch stärker Normalität wird.

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Autor

Monika Heusinger